21. November – 20. Dezember
Schnucken, Elefanten und andere Geschenke
myvillages.org: Antje Schiffers (D), Kathrin Böhm (UK/D), Wapke Feenstra (NL)

myvillages.org ist eine internationale Künstlerinitiative, gegründet 2003 von Kathrin Böhm, Wapke Feenstra und Antje Schiffers. Das Interesse von myvillages.org gilt ländlichen Räumen als Ort kultureller Produktion. Auf der Webseite www.myvillages.org stellen sie ihre laufenden Projekte vor, die sie einzeln, als Trio oder auch mit weiteren Partnern betreiben.
Alle drei Künstlerinnen, die selber aus kleinen Dörfern stammen, thematisieren in ihren Arbeiten ländliche Umgebungen. Sie reflektieren über das Verhältnis von Stadt und Land, über das soziale Leben, lokale Produktion und die Natur.
Sie reisen, suchen sich Mitstreiter vor Ort, bauen Netzwerke auf, setzen Austauschprozesse in Gang und stellen Wechselbeziehungen her.
Die Partnerinnen von myvillages.org agieren damit in gesellschaftlichen Bereichen, die außerhalb der Kunstwelt liegen und rücken scheinbar nebensächliche Dinge in den Mittelpunkt. So werfen sie nicht nur Fragen nach der ländlichen Entwicklung auf, sondern auch nach dem Stellenwert von Kunst und den Möglichkeiten, als Künstlerin einen gesellschaftlichen Beitrag zu leisten.
Für ihr Projekt in Neuenkirchen bekommt das myvillages.org-Team eine spezifische Aufgabe. In Herbst 2008 wurde die Partnerschaft des Heidedorfes Neuenkirchen mit der polnischen Gemeinde Lubrza offiziell unterzeichnet. Außer den offiziellen Repräsentanten beider Dörfer wissen die Bewohner von Neuenkirchen und Lubrza fast nichts voneinander.
myvillages.org soll nun einen Austausch unter beiden Orten herstellen. Dieser Austausch kann sich auf die Übermittlung von Informationen, den Transfer von Objekten bis zur Anknüpfung persönlicher Beziehungen erstrecken. Um dies zu erreichen, werden beide Dörfer in ein bestehendes myvillages-Projekt eingebunden: International Village Shop, ein internationaler Dorfladen.

Der International Village Shop ist ein Netzwerk zum internationalen Austausch lokaler Produkte.
In fast allen Dörfern werden Produkte hergestellt. Teils geschieht dies professionell, teils als Hobby. Wenn es sich dabei um Produkte handelt, die nicht überall sonst zu bekommen sind, dann haben diese häufig mit der lokalen Tradition zu tun; etwa Holzschnitzereien oder Handarbeiten. Oder sie werden aus dem hergestellt, was vor Ort landwirtschaftlich angebaut wird und natürlich vorhanden ist.
Für den internationalen Dorfladen werden in verschiedenen Dörfern gemeinsam mit Einwohnern und Einwohnerinnen neue Produktideen entwickelt und umgesetzt. Die neuen Waren reflektieren und repräsentieren spezielle lokale Materialien, Rohstoffe, Halbprodukte, Industrien, Geschichten, Fähigkeiten, Traditionen und Ideen. Die Erarbeitung der Warenidee ist ebenso wichtig wie die Herstellung der Waren. Sie stellt Fragen nach lokaler Identität, nach traditioneller und zeitgenössischer ländlicher Produktion und nach der Repräsentation des als „lokal“ oder „charakteristisch“ einem Ort Zugeschriebenen.

Zu den Produkten stellt myvillages.org kurze Filme her, in denen ihre Herstellung und ihr Gebrauch vorgeführt werden. Die Filme, in ihrem Charakter ähnlich den Lehrfilmen in der „Sendung mit der Maus“, werden parallel zum Vertrieb der Waren gezeigt. Die Produkte sind so nicht nur eine Handelsware, sondern vor allem Anlass, etwas über den Ort und seine Bewohner zu erzählen oder zu erfahren und internationale Verbindungen zwischen Dörfern zu schaffen. 

Im Warenangebot befinden sich unter anderem Froschfußabdrucklöffel aus Höfen in Oberfranken, Miniaturhäuser aus dem englischen Lake District, Leinölkühltürme aus Boxberg in der Oberlausitz und Pferdemilchprodukte aus Wjelsryp in Friesland. Der internationale Dorfladen ist eine Kooperation mit Grizedale Arts und public works (GB).

Beispiele für andere Projekte:

De beste Plek/ The best Place / Der beste Platz
Im Sommer ist Wapke Femstra durch die Gemeinde Hardenberg (NL) gereist. Mit einem solarbetriebenen „Textcar“ hinter ihrem Auto. Auf dem Display des Textcar stand „De Beste Plek“, also „der beste Platz“ und es wurde an Orten aufgestellt, die von Bewohnern von Hardenberg als beste Plätze benannt wurden. Wo „De Beste Plek“ stand, wurden Geschichten gesammelt, Karten angefertigt und Fotos gemacht. Mit Hilfe der Eigentümer oder Nutzer des Landes machte Feenstra an jedem Ort ein „cultural soil drilling“, eine Erdbohrung. Die Ergebnisse der Forschung und Sammlung wurden in einem Buch veröffentlicht.
Ich bin gerne Bauer und möchte es auch gerne bleiben
Für dieses Projekt hat Antje Schiffers gemeinsam mit Thomas Sprenger Feldforschung bei Landwirten in ganz Europa betrieben. Ihr Interesse richtet sich auf die Lebens- und Arbeitswelt der Bauern, die sich im Zuge von Globalisierung, EU-Beitritt und gesellschaftlicher Entwicklung zum Teil stark verändert hat.
Das Projekt basiert auf einem Tauschhandel. Während die Bauern mit Videokameras ihren Alltag, den Hof porträtieren, sowie die Landwirtschaftspolitik und Entwicklung des Marktes kommentieren, produziert die Malerin Schiffers Ansichten der Bauernhöfe, die im Tausch gegen die Videoporträts in den Besitz der Bauern übergehen.

Wapke Feenstra, geb. 1959, Kunststudium an der Jan van Eyck Academy in Maastricht, Postgraduierten Studium 1989 bis 1991. Seit 1992 lebt und arbeitet sie in Rotterdam. 1993 Preisträgerin des Prix de Rome an der Rijksakademie, Amsterdam. 1996 und 1998 Teilnehmerin der Manifesta.

Kathrin Böhm, geb. 1969 in Bamberg, absolvierte ihre künstlerische Ausbildung an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg. Als Künstlerin agiert sie häufig innerhalb von Industrieunternehmen. Sie lebt und arbeitet in Nürnberg.

Antje Schiffers, geb. 1967 in Heiligendorf bei Wolfsburg. Schiffers hat ihr Studium an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig 1997 als Meisterschülerin bei Walter Dahn abgeschlossen und lebt in Berlin.



ab 5. September 2009
Mark Dion "Das Springhornhof Institut für Neolithische Archäologie"
Außenprojekt/ Rauminstallation im historischen Treppenspeicher

Das „Springhornhof Institut für Neolithische Archäologie“ ist eine interdisziplinäre Installation des Künstlers Mark Dion (geb. 1961 in New Bedford, Mass, lebt in Beach Lake, PA und New York), die für den historischen Treppenspeicher auf dem Gelände des Springhornhofs entwickelt wurde. Grundlage ist eine vorhandene Sammlung steinzeitlicher Artefakte, deren wechselvolle Geschichte eng mit der Geschichte des Springhornhofs verbunden ist.
Der Treppenspeicher dient bislang als Geräteschuppen und Abstellraum. Im Zuge der anstehenden Sanierung der Ausstellungsräume des Springhornhofs soll er als Ausstellungsgebäude für die Steinzeitsammlung umgenutzt werden.

Die Sammlung geht zurück auf den Bochumer Kunsthändler Wilm Falazik, der Mitte der sechziger Jahre seine Galerie im Springhornhof eröffnete. Er war ein begeisterter Hobbyarchäologe und unternahm in der Umgebung von Neuenkirchens umfangreiche Grabungen. Er ließ den Treppenspeicher hierher versetzen, um darin seine Funde auszustellen.

Nach Falaziks Tod 1972 wurde die Sammlung in Kisten und Tüten eingelagert und geriet in Vergessenheit. Fast alle vorhandenen Notizen und Grabungsunterlagen wurden bei einem späteren Einbruch beschädigt oder gingen verloren.

Der Archäologe Klaus Gercken, der in Vorbereitung des Projekts von Mark Dion mit der wissenschaftlich-archäologischen Untersuchung der Sammlung beauftragt wurde, stellte bei einer ersten Sichtung fest, dass die Artefakte trotz der lückenhaften Dokumentation für anthropologische Forschungen zur Entwicklung von Schlagtechniken sehr aufschlussreich sind.

Die Sammlung hat jedoch noch einen anderen Charakter: Auf Umwegen gelang es einen kleinen Teil der Grabungsunterlagen wieder aufzufinden, darunter die Landkarte, in der Wilm Falazik die Fundorte eingetragen hatte. Dies tat er mit großer Sorgfalt und Sachkenntnis, seine Interpretation einiger Fundstellen als „Opferteich“ und „Königsgrab“ offenbarte andererseits den spekulativen, nicht primär an Tatsachen orientierten Charakter seiner Forschungen. Außerdem gibt es Hinweise darauf, dass Wilm Falazik einzelne seiner Fundstücke nachträglich bearbeitet hat, um seine These von einer eigenständigen „Neuenkirchener Stufe“ zu belegen.

Zur wissenschaftlich systematischen Vorgehensweise des Archäologen, ist damit die Sammlerpersönlichkeit des Hobbyarchäologen Wilm Falazik, mit seinen Irrtümern, seinen hochfliegenden Erwartungen und seinen kleinen Schummeleien als zusätzliche Dimension hinzugetreten.

All diese Aspekte wird Mark Dion in seiner Arbeit berücksichtigen. Der Künstler befasst sich seit Mitte der 80er Jahre intensiv mit der Geschichte unseres Umgangs mit der Natur und untersucht speziell die Repräsentationen der Natur in den Wissenschaften als Symptome ideologischer Diskurse. Vielfach hat er sich zudem mit der Situation der Natur im urbanen Raum auseinander gesetzt sowie in den letzten Jahren auch in archäologische orientierten Arbeiten die komplexen Strukturen einer Geschichtsschreibung, die durch Objekte entsteht, thematisiert. Die Ergebnisse seiner Feldforschungen präsentiert Dion meist in materialreichen vielschichtigen Installationen.

Sein Entwurf für das „Springhornhof Institut für Neolithische Archäologie“ erstreckt sich auf alle Etagen des alten Speichergebäudes. Im Erdgeschoss entsteht eine bühnenartige Rauminstallation mit professionellem archäologischen Equipment und einer Klangcollage aus Gesprächen mit verschiedenen Personen über Expertentum und Hobbyforschung. Im Obergeschoss geht es um Wilm Falaziks Ambitionen als Forscher. Den Hintergrund bildet die großformatige Reproduktion der Landkarte auf der er seine Fundorte eingetragen hat. Davor wird sein Studierzimmer mit Archivkästen und Schauvitrinen der Sammlung rekonstruiert. Auf dem Spitzboden darüber gleitet das Szenario ins phantastische ab. Ein Diorama zeigt Neuenkirchen zur Zeit des Neolithikums, allerdings so wie Wilm Falazik sich diese Epoche erträumt haben mag. Einschließlich eines zotteligen Mammuts, das zu dem Zeitalter aus der seine Funde stammen, gar nicht gelebt hat.